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2.2 Schulanfang

In der Phase des Schulanfangs ist es wichtig, daß Schule, Elternhaus und vorschulische Einrichtungen aufeinander zugehen und verstärkt zusammenarbeiten. Geeignet sind z.B.
- gemeinsame Besprechungen sowie gegenseitige Besuche von Erzieherinnen oder Erziehern und
Lehrkräften,
- Besuche der Kindergartenkinder in der Grundschule,
- gemeinsame Unternehmungen und Veranstaltungen,
- die gemeinsame Elternarbeit und
- die beratende Tätigkeit vorschulischer Einrichtungen. Verfahren zur Festsetzung der Schulfähigkeit im Sinne einer Förderdiagnose sollen nur bei besonders auffälligen Kindern angewendet werden. Die Schule soll darauf aufbauend in enger Beratung und Abstimmung mit den Erziehungsberechtigten und dem schulpsychologischen und -ärztlichen Dienst, ggf. auch mit sonderpädagogischen Fachkräften und weiteren Diensten für schulpflichtige, aber noch nicht schulfähige Kinder, ein individuelles Förderkonzept erarbeiten. Dabei geht es insbesondere um die Bereitstellung eines anregenden Lernumfelds. Eine von Schule und Elternhaus gemeinsam getragene Regelung ist anzustreben.
Mit der Zunahme individueller schulischer Förderangebote wird die Notwendigkeit zur Zurückstellung vom Schulbesuch verringert werden.

2.3 Anfangsunterricht

Die Lernvoraussetzungen der Schulanfängerinnen und Schulanfänger sind aufgrund wachsender Unterschiede in ihrem Entwicklungsstand und ihrem sozialen Umfeld sowie anderer innerer und äußerer Faktoren sehr verschieden. Die gesellschaftlichen Veränderungen, die auf das schulische Leben und Lernen in der Grundschule, insbesondere im Anfangsunterricht, Einfluß haben, sind vielfältig:

- Die Struktur der Familie hat sich .verändert; die Zahl der alleinerziehenden Mütter oder Väter wie auch der Ein-Kind-Familien ist in den beiden letzten Jahrzehnten gestiegen.

- Das Wohnumfeld bietet nicht selten, insbesondere in städtischen Ballungsräumen, zu wenig Möglichkeiten und Anreize für Eigenaktivitäten, eingeschränkte Bewegungsräume für Spiele und für Erfahrungen im Umgang mit Erde und Wasser, Pflanzen und Tieren. Andererseits machen einige Kinder sehr vielseitige Bewegungserfahrungen in Sportvereinen, die sie häufig von frühem Lebensalter an besuchen.

- Lesen und Schreiben haben in vielen Familien nur noch einen geringen Stellenwert. Viele Kinder sehen inzwischen länger fern, als daß sie spielen, handeln, experimentieren und erkunden; Fernsehen und Computerspiele ersetzen das eigene Abenteuer.
Unverarbeitete Fernseherlebnisse lösen Konzentrationsstörungen und Realitätsverlust aus. Andererseits sind durch das Fernsehen auch schon jüngeren Kindern Wissensbereiche zugänglich, von denen Kinder früherer Zeiten nur im Einzelfall und zufällig etwas erfuhren.

- Immer mehr Kinder machen Erfahrungen durch Kontakte mit Menschen anderer Kulturkreise und fremder Sprachen. Ausländische Kinder bedürfen häufig zusätzlicher Sprachförderung.

Aufgabe des Anfangsunterrichts ist es, an die individuellen Lebens- und Lernerfahrungen der Schulanfängerinnen und Schulanfänger anzuknüpfen und diese, wo immer möglich, für die Gestaltung erfolgreicher schulischer Lern- und Entwicklungsprozesse zu nutzen.
Spielendes Lernen und lernendes Spielen nehmen wie schon im Kindergarten - dabei einen wesentlichen Teil der Arbeit im Anfangsunterricht ein. Das Spiel kann den Schulanfängerinnen und Schulanfängern Handlungsräume eröffnen, in denen sie sich mit ihrer Lebenswelt auseinandersetzen. Es schafft Gemeinsamkeit, hilft Konflikte lösen, verlangt Sensibilität und Einführungsvermögen, regt die schöpferische Phantasie und Gestaltungskraft an und ist zugleich ein wichtiges Erfahrungsfeld für Kinder, um ein Verständnis für die Funktion von Ordnungssystemen und Vereinbarungen zu entwickeln.
Das freie Arbeiten in unterschiedlichen Formen eröffnet wie das Spiel, aber in eingegrenzterem, zum Teil bereits stärker lernzielorientiertem Rahmen, den Schulanfängerinnen und Schulanfängern Chancen, ihren Interessen nachzugehen und bei der Auswahl und Gestaltung von Lernaktivitäten ihre eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu erkennen.
Spiel und Freiarbeit machen ihnen deutlich, daß sie in ihren Interessen und ihren Bedürfnissen nach Selbständigkeit ernstgenommen werden.
Besonders im Anfangsunterricht soll der Lernprozeß auf das ganzheitliche Erfassen des Lerngegenstandes und unmittelbar einsichtiger Sinnzusammenhänge gerichtet sein. Dementsprechend werden häufig mehrere Lernbereiche, insbesondere z.B. Deutsch, Sachunterricht, darstellendes Spiel, Musik, Kunst und Werken für eine lebendige und vielseitige Arbeit an thematischen Schwerpunkten bzw. Unterrichtseinheiten zusammengefaßt. Das Klassenlehrerprinzip unterstützt dies nachhaltig.

Erlebnisbezogenes, handlungsorientiertes und fächerübergreifendes Unterrichten ist unter Beachtung sachbezogener Arbeitsweisen und inhaltlicher Aufbaufolgen im allgemeinen durchgängiges Prinzip. Es schließt lehrgangsbezogenes Arbeiten, z.B. im Lesen, Schreiben und Rechnen, ein. Sowohl für das Heranführen an Lerngegenstände als auch für das Üben und die Sicherung von Lernergebnissen sind differenzierende Aufgabenstellung sowie Materialien, Lernangebote und Hilfen zu entwickeln. Auch individuelle Lernzeiteinteilungen und unterschiedliche, persönliche Zugangsweisen sind zu ermöglichen, um mit jedem Kind Lernerfolge zu erreichen, die seinen Fähigkeiten entsprechen.
Die Grundschule kann dieser pädagogischen Herausforderung am ehesten gerecht werden, wenn es ihr von Beginn an gelingt, die Entfaltung produktiver Eigenaktivität in Phasen des Spielens und freien Arbeitens möglichst organisch mit Formen des zielorientierten, differenzierenden Unterrichtens zu verbinden und bei Schülerinnen und Schülern einsichtiges Üben und planmäßiges Arbeiten anzubahnen. In der Regel sollte eines aus dem anderen erwachsen und wechselseitig zu einer Steigerung der Effektivität von Lernprozessen führen.
Diese Grundsätze gelten auch für den Schriftspracherwerb. Er gehört in den ersten beiden Jahrgangsstufen zu den Kernaufgaben des Unterrichts. Die Kenntnisse und Fähigkeiten der Schulanfängerinnen und Schulanfänger im Lesen und Schreiben klaffen weit
auseinander. Die Grundschule muß den Zugang zur elementaren Schriftkultur öffnen.
Für die Motivation, Lesen und Schreiben lernen zu wollen, spielt die soziale. und emotionale Atmosphäre in der Lerngruppe eine wichtige Rolle. Günstige Voraussetzungen für die Initiierung und Förderung der für den Schriftspracherwerb erforderlichen Lernprozesse bei allen Kindern werden geschaffen, wenn es gelingt,
- sowohl Frühlesen als auch langsam lernenden Kindern individuelle Lernanreize und Lernhilfen zu
geben,
- Kindern einen an ihrem Erleben orientierten Umgang mit Schriftsprache zu ermöglichen,
- ein Miteinander-Lernen und -Arbeiten zu entwickeln, das nicht durch vorschnelle normorientierte Erwartungshaltungen und Leistungsvergleiche
beeinträchtigt wird, sondern von einer selbstverständlichen Akzeptanz und Anerkennung unterschiedlicher Lernfortschritte und Grade des Könnens getragen ist. Dann kann auch einsichtiges, differenziertes
Üben notwendiger Fertigkeiten und Fähigkeiten sachbezogen, reizvoll und damit effektiv gestaltet werden. Für das Erlernen einer verbundenen Schrift ist die Ausreifung feinmotorischer Fähigkeiten der Kinder von großer Bedeutung. Sie kann durch graphomotorische Übungen, die auch die kreativen Fähigkeiten zum Malen und Zeichnen entwickeln, gefördert werden. Einen wichtigen Beitrag kann dazu das Schreiben der Druckschrift leisten, die auch für das Lesenlernen bedeutsam ist. Für die Wahl einer verbundenen Schrift und den · Zeitpunkt ihrer Einführung bestehen sowohl zwischen als auch in den Ländern hinsichtlich der Lateinischen Ausgangsschrift, der Vereinfachten Ausgangsschrift und der Schulausgangsschrift von 1968 unterschiedliche Präferenzen.

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